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Brief von Frau Lotte Sumanac
Heute ist Frühlingsanfang. Ein Blick vom Küchenfenster zeigt mir über den Dächern ein
ungetrübtes Blau. Ein östlicher Sonnenstrahl lässt gar ins Licht mich blinzeln. Doch wie kalt
bläst mir die Bise ins Gesicht.
Seit Monaten ist die Strasse vor dem Haus eine einzige Baustelle, ständig in Veränderung
begriffen. Erst Ende Jahr wird sie verschwinden, denn solange soll die Sanierung dauern.
Die alten, unterirdischen, viel verzweigten und gar übereinander liegenden Leitungen, die
unzähligen dicken und dünnen Rohre haben ausgedient, genügen den heutigen Anforderungen
nicht mehr, so dass es nun an der Zeit ist, diese auszuwechseln und sie dem neusten Stand der
Technik anzupassen.
Wie viele tiefe, lange Gräben und Schächte sind schon ausgehoben, wieder zugeschüttet und
asphaltiert worden! Es entstehen jedoch fortwährend immer neue, sogar Gruben, grösser als
mein geräumiges Musikzimmer, alle nach minutiösen, auf dem Computer entstandenen
Plänen. Als ich mich einmal danach erkundigte, gewährte mir der freundliche Bauleiter einen
Blick darauf. Er trug sie auf sich und war nicht wenig stolz, als ich darob ins Staunen kam.
Das klaffende Loch an unserer Hausecke gewährt den Vorübergehenden einen Blick in sein
Inneres, in das die Arbeiter auf Leitern hinabsteigen. Während sie in der Tiefe schaufeln,
graben und pickeln, beachten sie kaum die neugierigen Passanten, die stehen bleiben, um sich
einen Augenblick lang über den Verlauf der Arbeiten ein Bild zu machen.
Klar, Unfälle sollten tunlichst vermieden werden. Deshalb die unübersehbaren, rotweiss
gestrichenen Latten, die Hinweistafeln, die auf Schritt und Tritt anzutreffen sind, um dem
Fussgänger die sich stets ändernden Umleitungen anzuzeigen. Die metallenen
Überbrückungen mit solidem Geländer garantieren ein sicheres Weiterkommen.
Offen gelegt, für den Laien unverständlich und unübersichtlich, bringt uns die Strasse ins
Bewusstsein, dass auch unter ihr, bei Tag und Nacht, ein bewegtes Leben abläuft und dies
reibungslos und ohne Pannen, seit ich mich zu erinnern vermag.
Eigentlich habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht. Doch jetzt fällt mir ein, dass
auch in jedem Menschen so unendlich viel in Gang ist, unsichtbar, ohne dass er sich stets
Gedanken darüber macht. Doch ist sein Organismus überaus fein und unendlich kompliziert,
denn er ist von Schöpfers Kraft geplant und erdacht worden. Deshalb ist er auch anfällig und
oft nicht problemlos wieder in Balance zu bringen.
Jetzt aber, er muss in der Früh hergebracht worden sein, ragt ein mächtiger Kran in die Höhe.
Eine ganze Reihe behelmter Arbeiter in orange leuchtenden Übergewändern, steht bereit. Eine
heikle Mission muss bevorstehen, die Teamarbeit erfordert. Der Bauleiter, ich sehe ihn von
hinten, erteilt Anweisungen, deutet mit seinen Armen ausladend nach links und rechts. Mir
ist’s, als ob ich in einem Stummfilm wäre.
Unsere Strasse war immer schon eine bewegte Strasse. In den vergangenen Jahren schwoll
der Verkehr stetig an. Da rollten von früh bis spät die fahrplanmässig eingesetzten Busse
stadtein- und stadtauswärts, morgens und abends die vielen voll besetzten Reisecars, welche
ihre Gäste in alle Himmelsrichtungen brachten, in Städte und an Meeresstrände. Allzu oft
zirkulierten brummende Lastwagen vorüber. Auch der Privatverkehr nahm zu, und wäre
nicht der Wald in der Nähe, der Gestank der Abgase wäre unerträglich geworden.
Jetzt wird der Verkehr nur noch beschränkt zugelassen und nur noch in einer Richtung,
nämlich vom Bahnhof her zum Anschluss an die Autobahn. Bei uns oben kommt er oft ins
Stocken, denn Lastwagen kreuzen beständig auf, neues Material anzuliefern, oder Schutt zu
entsorgen. Längs der Strasse sind viele Maschinen im Einsatz, die reinsten Ungetüme in
leuchtendem Gelb und blockieren die Fahrbahn, so dass sich die Autos, so weit das Auge
reicht, stauen und zu warten haben, bis die Bahn frei wird.
Es ist offensichtlich, dass die Bauleitung bemüht ist, Staub, Dreck und Emissionen in
Grenzen zu halten. Sie hat sich schon längst die Gesichter der Anwohner gemerkt, und im
Wissen, dass diese ohne Klagen die unvermeidlichen Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen,
grüsst sie stets freundlich.
Ich habe bis anhin wenig gelitten. Dank unsern schalldichten Fenstern dringt nur wenig Lärm
in die Wohnung. Einzig die kleinste, von Hand gesteuerte Maschine, die den zugeschütteten
Boden ebnet, macht einen Höllenlärm, lässt das Haus erbeben und die Glasscheiben vibrieren.
Je kleiner ein Hund, je lauter sein Gekläff, sagte ich kürzlich lachend zu meinem Musiklehrer.
So schlimm wie eben jetzt war’s noch nie, öffnete das Fenster und sprach: Schau, sie ist
gerade unten vor dem Haus im Einsatz. Doch alles geht einmal vorüber, so auch die
Sanierung unserer Strasse. Dann wird der ganze Verkehr durch den erschlossenen
Neufeldtunnel geschleust. In unserer Strasse, wird nie gekannte Ruhe eintreten. Und wie in
Berlin alle Strassen von Bäumen gesäumt sind, soll die unsrige auch begrünt werden.
Wahrlich eine gute Perspektive! Und kaum ist das Fenster geschlossen, wird wieder
musiziert, ohne den Lärm weiter zu beachten.
geschrieben zwischen 20. – 26.März 2009
Lotte Sumanac
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